30. Mai 2020

"Der Geist als Lebendigmacher" - Interview mit Dr. Matthias Freudenberg


In seiner neuesten Monografie beschäftigt sich Dr. Matthias Freudenberg mit dem Heiligen Geist und seinem Wirken - beschrieben für alle Interessierten. Warum die Amtskirche und Theologie mit dem Hl. Geist immer noch fremdeln und wo sich der Geist im Leben zeigt, berichtet er im Interview.

1. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über den Heiligen Geist zu schreiben, das sich nicht nur an Theologen*innen, sondern an alle Interessierten richtet?

In meiner theologischen Arbeit ist mir mehr und mehr bewusst geworden, dass wir den Gedanken, dass Gott heute handelt, noch klarer formulieren müssen. Wenn wir vom Heiligen Geist reden, sagen wir damit: Ich vertraue darauf, dass Gott gegenwärtig ist. Er interessiert sich für mein Leben und das Leben der ganzen Welt. Durch seinen Geist ist er wirksam und mitten unter uns.

2. Im Gegensatz zum Leben und Wirken Jesu Christi ist die Vorstellung vom Heiligen Geist für viele Menschen abstrakt. Warum sollte ich mich als Christ*in damit beschäftigen?

In den Kirchen führt der Geist und das Pfingstfest vielfach ein Schattendasein. Viel greifbarer sind Weihnachten und Ostern. Ich werbe dafür, Pfingsten als ein Fest zu begehen, an dem wir die Lebendigkeit feiern. Ein Bekenntnis aus dem 4. Jahrhundert schreibt, dass der Geist der „Lebendigmacher“ ist. Er belebt uns, führt uns zum Glauben, bringt uns in die Gemeinschaft mit anderen, lässt uns Glücksmomente erfahren. Das ist nichts Abstraktes, sondern sehr konkret.

3. „Geist“ ist gerade in der deutschen Sprache ein Wort mit sehr vielen Facetten und unterschiedlichen Bedeutungen. Ist da nicht vorprogrammiert, dass die Menschen verschiedene „Geister“ miteinander vermischen? Woher kommt die Bezeichnung im biblischen Kontext?

Die Bibel nennt den Geist Gottes Atem. Als von ihm ausgehender Lebenshauch belebt er die Welt. Jesus verspricht, dass er den Geist als Tröster sendet, der die Menschen an sein rettendes Handeln erinnert. Da legt es sich nahe, Gottes eigenen Geist von anderen Geistern zu unterscheiden. Besonders von denen, die nicht das Leben fördern. Aber dort, wo Menschen durch ihren Geist etwas Besonderes hervorbringen, ist Gottes Geist im Spiel und treibt sie an. Zum Beispiel bei den Pfleger*innen und Ärzt*innen in den Krankenhäusern und Heimen.

4. Sie sind Studierendenpfarrer in Saarbrücken. Wie vermitteln Sie Ihren Glauben an die Wirkung des Geistes an Studierende?

Vor einiger Zeit habe ich zusammen mit Studierenden einen Gottesdienst zum Thema „Geist“ vorbereitet. Während wir darüber sprachen, haben wir gleichsam unser Leben „gescannt“: An welchen Stellen spüren wir, dass Gott mir nahe ist? Mir kommt es darauf an, dass Studierende die Entdeckung machen: Mein Leben ist nicht schutzlos fremden Kräften ausgeliefert, sondern behütet – auch dann, wenn es beim Studieren Misserfolge gibt. Durch den Geist ist er präsent, auch wenn ich es nicht immer merke.

5. In vergangenen Jahrhunderten wurden christliche Gruppierungen, die sich auf den Heiligen Geist beriefen bzw. dessen Allgegenwärtigkeit betonten, beispielsweise die Täufer oder die Schwenckfelder, aus (kirchen-)politischen Gründen verfolgt. Was hat sich bis heute geändert?

Ich halte es für eine Tragödie, dass Reformation und Täufertum unterschiedliche Wege gegangen sind. Darin verbirgt sich eine Schuldgeschichte auch der evangelischen Kirchen, indem sie die Täufer kriminalisiert haben. Aus Angst vor Unruhe und Kontrollverlust, die der Geist auslöst, wehrte man sich gegen die Täufer. Heute tritt an die Stelle der Abwehr eine neue Offenheit für die Anliegen derer, die den Geist ins Zentrum des Glaubens stellen.

6. Sehen Sie in dieser Kriminalisierung einen Grund dafür, dass auch in der Theologie die Pneumatologie [Lehre vom Heiligen Geist] lange stiefmütterlich behandelt wurde?

Eindeutig ja. Über Jahrhunderte sind die Kirchen dem Geist und seinen Wirkungen mit großer Skepsis begegnet. Ich nenne das eine Geistvergessenheit, die gerade unserer Kirche nicht gut bekommen ist. Entweder flüchtete man sich in das fromme Gefühl oder redete allzu abstrakt von Gott, so dass das Empfinden seiner Gegenwart, Nähe und Leidenschaft verblasst ist. Langsam entsteht heute ein neues Bewusstsein für die inspirierende Kraft des Geistes.

7. Freikirchliche Pfingstgemeinden verzeichnen im Gegensatz zur Amtskirche steigende Mitgliederzahlen. Willow Creek Kongresse sind Massenevents. Sie schreiben selbst: „Spiritualität ist in Mode“. Wie beurteilen Sie als Theologe und Pfarrer diese Entwicklung?

Als ambivalent. Auf der einen Seite sage ich: Schön, wenn Christ*innen intensiv ihren Glauben ausdrücken und ihn fröhlich feiern. Aber als nüchterner evangelischer Christ empfinde ich auch ein Unbehagen, wenn gelegentlich allzu forsch auf außerordentliche Geisterfahrungen gesetzt wird und ein überspannter Wunderglaube herrscht. Wir brauchen auch Antworten auf die Gebrochenheit – heute sagt man: Vulnerabilität – des Lebens, Scheitern und Schuld. Da hilft Enthusiasmus nicht viel weiter, sondern das Vertrauen, dass der Geist tröstet und Schweres zu tragen lehrt.

8. Sie schreiben: „Gottes Geist bringt Spritzigkeit ins Leben“. Jeder war wohl schon in Gottesdiensten, die vom Prädikat der „Spritzigkeit“ doch eher weit entfernt sind. Fehlt dort der rechte Glaube?

Ich maße mir nicht an, über den rechten Glauben von Menschen im Gottesdienst zu urteilen. Vielmehr vertraue ich darauf, dass Gottes Geist auch dann wirkt, wenn es dort einmal langweilig zugeht. Vor allem hat Spritzigkeit etwas damit zu tun, welche Worte gesprochen werden und wie die Musik klingt.

9. Ihre These lautet: „Ein von Gottes Geist inspirierter Mensch gibt der Inspiration in seinem Leben Raum und Gestalt.“ Nun empfinden selbst viele engagierte Gemeindeglieder, dass die Kirche nicht offen oder nicht offen genug für Neues ist. Ist Ihre Grundthese als Plädoyer zu verstehen, mehr auszuprobieren, Ideen zuzulassen?

Grundsätzlich ja. Gottes Geist inspiriert dazu, ins Experiment zu gehen. Wir erleben gerade in dieser Corona-Zeit, wie eine Reihe von kreativen Möglichkeiten erprobt werden, Gottesdienst zu feiern und Gemeinschaft trotz Kontaktbeschränkungen zu erleben. Allerdings: Das Experiment sollte es nicht um seiner selbst geben. Dass Gottes Geist wirkt, erlebe ich auch in traditionellen Gottesdiensten.

10. Kurz zum Schluss: Welche Bibelstelle zum Heiligen Geist mögen Sie besonders und warum?

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Tim 1,7) In einer Welt, die oft von Angst bestimmt wird, finde ich es als befreiend, dass Gottes Geist so lebenswichtige Früchte wie Kraft, Liebe und Besonnenheit hervorbringt. Davon leben wir individuell, aber auch als Gesellschaft.

Info zur Publikation:
Freudenberg, Matthias: Der uns lebendig macht. Der Heilige Geist in Leben, Glaube und Kirche. Neukirchener Verlag, 199 Seiten, 19 Euro.

 

Dr. Matthias Freudenberg ist Pfarrer an der Evangelischen Studierendengemeinde Saarbrücken und Professor für Systematische Theologie an der Universität des Saarlandes. In den vergangenen Jahren hat er zahlreiche Werke zur Geschichte und Theologie der reformierten Kirchen und des reformierten Protestantismus veröffentlicht. Seine neueste Monografie „Der uns lebendig macht. Der Heilige Geist in Leben, Glaube und Kirche“ erschien 2018.





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