Predigt für Sonntag, 2. August 2020


Die Predigt für den Gottesdienst am Sonntag, den 2. August 2020, von Pfarrer i.R. Werner Kausch können Sie hier nachlesen.

 

 

Predigt am 2. August 2020

 

Johannes 9,1-7

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden

7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Liebe Gemeinde!

Es ist eine Redensart: „Wir haben den Durchblick“. Gemeint ist, dieses oder jenes Geschehen verstanden zu haben, die Ursachen und Gründe und auch die Zusammenhänge zu kennen, in die es einzuordnen ist.

Wir meinen den Durchblick zu haben in private Lebensumstände wie in gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen vergangener Zeit und der Gegenwart und für deren Ursachen und Gründe.

Wir meinen den Durchblick zu haben, Bescheid über uns, über andere und die Welt zu wissen.

Aber wir machen immer wieder die Erfahrung, wie schnell unser scheinbar fest stehenden Denk-und DeutungsgebäudeGebäude erschüttert werden.

Es gibt Vieles, dem wir nicht auf dem Grund gehen und das wir nicht erklären können. Trotz allen Forschens bleiben ungelöste Fragen nach dem Woher und Warum. Diese uralten Fragen sind zwar immer wieder Ansporn für unterschiedlichste Wissenschaften. Aber trotz mancher Erfolge im Laufe von Jahrhunderten bleiben viele bis heute – und wohl auch in Zukunft - offen.

Ein weites Feld - unter vielen anderen - ist zum Beispieldas der Frage nach dem Woher und Warum von Krankheiten und Leiden. Trotz aller Fortschritte der medizinischen Wissenschaft werden sie immer ein Teil des Lebens bleiben.

Das Eingeständnis fällt schwer, nicht in allem den Durchblick zu haben. Unser Wissen und Verstehen ist und bleiben begrenzt.

„Von nichts kommt nichts“, das ist auch eine bekannte Redensart. In ihr spiegelt sich der Drang, zu ergründen, was im Leben widerständig und fremd erscheint. Dieses Bestreben ist uralt.

Auch in unserem heutigen Text aus dem Johannesevangelium, wie auch in anderen biblischen Erzählungen, spielt es eine Rolle.

Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg in den Tempel in Jerusalem. Am Zugang sitzt ein Mann am Weg, von dem es heißt, dass er von Geburt an blind ist. Wie so viele Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung bleibt ihm nichts anderes übrig als zu betteln, in der Hoffnung, wenigstens das Nötigste zum Leben zu bekommen. Davon, dass Jesus solch schwer betroffenen Menschen begegnet ist, wird in einer Reihe biblischer Geschichten erzählt – und davon, wie die Begegnung mit Jesus das Leben der Betroffenen verändert hat.

In unserem Text betrifft es einen Menschen, der nicht erst im Laufe seines Lebens, sondern schon zeitlebens erkrankt ist. Vom Leben hat er nichts zu erwarten. Er kann nur auf Almosen hoffen.

Jesus sieht ihn im Vorbeigehen. Dass er den Mann besonders beachtet habe, wird nicht erwähnt. Bettler gab es viele am Tempel, zumal zu Zeiten von Festen, wie dem Tempelweihfest, das wenig später erwähnt wird.

Für die Jünger Jesu ist dieser Blinde Anlass, ihn in eine Diskussion verwickeln zu wollen. „Erklär uns den Grund seiner Krankheit“!

Dabei haben sie selbst sich schon längst auf eine Erklärung festgelegt, die weit zurückreicht und auch in der jüdischen Tradition tief verankert ist. Es muss im Leben dieses Menschen einen Grund für seine Krankheit geben.

„Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“ Krankheit als Folge von Sünde, als Folge von Gottesferne, auf diese bekannte Erklärung haben sich die Jünger festgelegt.

Sie meinen, den Durchblick zu haben. Fragt sich nur noch, auf welche Sünde die Krankheit dieses Menschen zurückzuführen ist – vielleicht sogar auf seine Eltern? Jedenfalls lässt sich die Erkrankung dieses Menschen für die Jünger erklären. Die Schuld daran trägt letztlich der Kranke selbst oder seine Eltern. Dem Tun auf der einen Seite entspricht das entsprechende Ergehen auf der anderen. Wer Gutes tut und recht lebt, erntet Gutes und wer nicht, erntet Schlechtes wie Krankheit und Leiden und damit zugleich gesellschaftliche Ausgrenzung und mehr noch, auch die Trennung von Gott.

Die Jünger haben mit ihrer Frage wahrscheinlich von Jesus nichts anderes erwartet, als dass er sie in ihrer Meinung bestärkt, dass er die alte Vorstellungswelt bekräftigt und dass er bestenfalls mit ihnen darüber diskutiert, was sich dieser Mann oder seine Eltern haben zu Schulden kommen lassen.

Aber nichts von dem!

Jesus lässt sich auf keine Diskussion ein. Das hatten die Jünger – und nicht nur sie – nicht erwartet,wie Jesus wie mit einem Federstrich die alte Deutungswelt durchkreuzt.Weder dieser Mann noch seine Eltern haben irgendetwas getan, mit dem seine Krankheit zu begründen wäre“.

Jesus lässt sich auf keine Deutungen für das Warum und Woher von Krankheiten oder sonstigen Unglücks ein – weder an dieser noch irgendeiner anderen Stelle.

Dass dieser Mann krank ist eine bittere Wirklichkeit. Es ist bitter, dass es Leiden in der Welt gibt. Das Paradies als eine ganz und gar heile Welt ohne jede Beeinträchtigung ist längst verloren. Es gibt sie, die dunklen Seiten im menschlichen Leben. Es gehört zur Wahrhaftigkeit, nicht an ihnen vorbeizusehen, sie nicht ausblenden oder umgehen zu wollen, nur Schönes, Heiles sehen zu wollen, so, als ließe sich alles andere in abgeschottete Räume hinter dicke Mauern verbannen.

Wie gerne betrachten wir Heileweltbilder!

Aber wir werden immer wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt – nicht erst durch einen Virus und seine Folgen.

Unsere Welt ist nicht heil!

Not und das Elend Vieler, vor allem auch vieler Kinder, schreit auch hierzulande zum Himmel. Und immer noch sitzt die Versuchung zu kurzsichtigen Erklärungen tief! „Selber schuld!“ „Das hätten wir ihm/ihr gleich sagen können, dass es so kommen musste!“ „Hättest du dich mehr angestrengt, hättest du deinen Abschluss – oder einen besseren – erreicht!“ „Hättest du gesünder gelebt, wärst du jetzt nicht krank!“ Die Reihe ließe sich nahezu beliebig fortsetzen.

Haben wir nicht den Durchblick? Sehen wir nicht klar?

Die Jünger Jesu waren der Ansicht, klar zu sehen. Und nicht nur sie, sondern auch die, die diese Szene am Tempeleingang miterlebt haben.

Was dann geschah, konnten sie nicht fassen: Jesus bereitete einen Brei aus Erde und Speichel, ganz im Stil eines Arztes, entsprechend der Augenheilkunde zu seiner Zeit, bestrich damit die Augen des Blinden und schickte ihn zum Teich Siloah, damit er sich die Augen auswasche. Und der Blinde kam sehend wieder.

Unglaublich! Ist das der gleiche Mensch oder ein ganz anderer? „Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun?“ So fragen die Pharisäer im Blick auf Jesus und sein heilendes Wirken. Und das Ganze hat sich zudem an einem Sabbat ereignet!

Schon wieder hat dieser Jesus eines der höchsten Gebote gebrochen! Sie erinnern sich auch, dass er von sich behauptet hat. „Ich bin das Licht der Welt“(Joh. 8,12) und „Ich und der Vater sind eins!“(Joh. 10,30). Welch eine Gotteslästerung! Kein Wunder, dass die religiösen Autoritäten diesen Wanderprediger aus Nazareth loswerden wollen!

Jesu Legitimation steht grundsätzlich in Frage. Als der vorher Blinde im Blick auf seine Heilung von Jesus bekennt „Wäre dieser nicht von Gott, könnte er es nicht tun“ (Joh. 9,33) wird er aus der Synagoge ausgeschlossen (Joh. 9.34).

So bezeugt auch dieses Evangelium, wie sich an Jesus, seinem Reden und Handeln, die Geister scheiden. Selbst seine engsten Begleiter auf seinem Weg, seine Jünger, erkennen nicht von voreherein, wer Jesus ist.

Nur im Johannesevangelium sind als Selbstzeugnisse Jesu die „Ich-Bin-Worte“ überliefert: „Ich bin das Brot des Lebens“(Joh.6,35). „Ich bin das Licht der Welt“(8,12).

„Ich bin der gute Hirte“(Joh.10,11). „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh.11,25). „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“(Joh.15,5).

„Ich bin es, durch den Gott in der Welt wirkt“, bezeugt Jesus.

In der Begegnung mit Jesus werden die Perspektiven im Leben von Menschen grundlegend verändert.

Licht kommt in Dunkelheit. Hungernde werden satt. Durst wird gelöscht. Der Durst nach Leben, das nicht auf das Starren auf Erfolg, Gewinn und Macht fixiert ist, einem Leben, das befreit wird aus dem „goldenen Gefängnis“ des rein Materiellen.

In der Begegnung mit ihm hat Jesus Menschen Ansehen undWürde verliehen – besonders Menschen am Rande, Ausgegrenzten und Geächteten. In seinem Lichte durften sie befreit Zukunft erfahren.

Denen, die glaubten, den Durchblick zu haben und klar zu sehen, hat Jesus ihre Grenzen aufgezeigt.

Kein Grund, auf Jesu Zeitgenossen, vor allem auf die auf die Frommen seiner Zeit, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer oder allgemein die Juden, mit Fingen zu zeigen!

Wie oft meinen wir den Durchblick zu haben und sind doch in Wirklichkeit für so vieles und für so viele Menschen, für so viel Elend, Not und Leiden blind? Wie oft verfallen wir (immer noch) in leichtfertige Deutungsmuster!

Wie nötig haben auch wir es, dass der, der das Licht der Welt ist, auch uns ein Licht, sein Licht, aufgehen lässt! Dass er uns „den Sand aus den Augen reibt“ und uns neu sehen lehrt! Dass er uns die Schönheit der Gnade Gottes schauen lässt, darum können wir nur bitten.

Neues soll und kann im Licht der Gnade Gottes wachsen, unberechenbar, unkalkulierbar, unerklärlich und erstaunlich.

An diesem Neuen will Gott uns teilhaben lassen. Und mehr noch: Wir dürfen in seinem Namen daran mitwirken.

Dazu will und wird er uns in der Kraft seines guten Heiligen Geistes Zuversicht schenken.

In Gottes Namen können wir Träger seines Lichtes in eine oft so dunkle Welt, in Sorgen, Not und Ängste, in Zweifel und Verzweiflung sein, mit unseren Gaben, die er uns anvertraut hat und aus denen wir leben, begleiten, trösten und helfen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrer i.R. Werner Kausch

 

Kollekten sind online möglich:

Bitte nutzen Sie das Spendenportal der KD-Bank (Bank für Kirche und Diakonie) für Ihre Kollekte.

Hier finden Sie die Predigt für diesen Gottesdienst zum Download:


Download: Predigt 2. August 2020



Zurück